Beutelschneider RPG – eine Rezension

Beutelschneider ist ein Rollenspiel, das Würfel durch Murmeln ersetzt. Was vielleicht wie ein Gimmick klingt, ist tatsächlich überzeugend umgesetzt: statt eines Charakterbogens hat jeder Spieler einen Würfelbeutel, mit 20 Murmeln – rote Murmeln (Kampf), grüne (Geschick), blaue (Magie), weiße (unentwickeltes Potential) und später auch schwarze (Verletzungen) und gelbe (Meisterschaft). Die Zusammensetzung der Murmeln beschreibt den Charakter und je nach Herausforderung wird eine unterschiedliche Zahl von Murmeln blind gezogen und dann die Erfolge (richtige Farbe) gezählt. Das war es auch schon, und da das System umsonst herunterzuladen ist, beschreibe ich es hier nicht weiter, sondern lade zur Selbstlektüre ein und liefere nur noch meine persönlichen Einschätzungen. Das hier ist übrigens leider kein Playtest-Review, das sollte man bei der Bewertung meiner Meinung im Kopf haben.

Das haptische Element ist toll, gerade auch für Kinder oder Rechenfeinde, aber ganz generell ist es ein Geniestreich, den Würfel als Fetischelement durch ein anderes, gleichermaßen zum Spielen einladendes Element zu ersetzen.

Die Verwundungsregeln durch schwarze Kugeln sind ebenfalls toll. Eine Verletzung führt dazu, dass man in Kampf, Geschick und/oder Magie schlechter wird. Das lädt dazu ein, die Verletzung dementsprechend spontan zu interpretieren und erzeugt viel Spannung am Spieltisch, beim Ziehen der Verletzungsmurmeln.

Das Lektorat ist super, der Schreibstil sehr gut verständlich. Das Spiel ist regelleicht und eingängig, erlaubt aber, durch die kreative Task-Resolution, erstaunliche Varianz. Es setzt auf einen erfahrenen Spielleiter und Rulings statt Rules, auf Basis der leicht abschätzbaren Wahrscheinlichkeiten (jede Murmel eines Charakters entspricht einer 5% Wahrscheinlichkeit).

Nicht glücklich bin ich mit den Münzen im Beutel, die man als Loot erlangen kann. Ich verstehe die Absicht, einen geschriebenen Charakterbogen überflüssig zu machen, empfinde das hier aber als etwas dogmatisch. Gegenstände etc. sind unkompliziert und regellos auf einem Zettel vorhaltbar, die Münzen hingegen verwässern die Eleganz des Systems. Für meinen Geschmack sind sie auch etwas zu sehr eine Metaressource. 

Massenkapfsystem und Heeresverwaltung: hier zeigt sich die Flexibilität des Murmelsystems. Auch Handel könnte man rasch in ein ähnliches System gießen, man müsste den Murmeln nur Handelscodes zuweisen… 

Mit den gelben Kugeln für Meisterschaft zeigt Beutelschneider eine Richtung auf, die ich passender fände, als das Münzsystem: Custom-Murmeln, für besondere Fähigkeiten.

Abschließend: ich finde das System hervorragend geeignet zur Einführung neuer Spieler, auf Cons, als One-Shot, in den Händen eines erfahrenen Spielleiters. Ich denke nicht, dass es für Kampagnenspiel derzeit geeignet ist – das ist aber nur eine Frage der Ausgestaltung. Mich beeindruckt die einfache Task-Resolution und die geschickte Übertragung auf die Realm-Ebene im Massenkampf.

Das Spiel wird regelmäßig durch neue Beiträge unterstützt, wie z.B. die wunderbaren Monostichon-Monster!

Chapeau! Höchstes Lob von meiner Seite an blut_und_glas!

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